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MERIDA REACTO 2014 - Das schnelle Rad des Weltmeisters

Lampre-Merida ist der neue Arbeitgeber des regierenden Weltmeisters Rui Costa aus Portugal. Beim diesjährigen Pressecamp auf Mallorca konnten wir vorab das aktuelle Arbeitsgerät des Champions testen.
Quelle: www.bikeboard.at
Text: Reini Hörmann Fotos: Reini Hörmann, Armin Küstenbrück, Rotor

 

 

Sogar für erfahrene Fachjournalisten ist die Dimension des Merida Pressecamps ziemlich beeindruckend. Mehr als 380 Journalisten und VIPs aus aller Welt reisen alljährlich nach Playa de Muro, um die brandneuen Modelle der Merida Familie unter die Lupe zu nehmen. Eine Armada von Mechanikern steht bereit, um eines der 70 Renngeräte an die jeweiligen Bedürfnisse der Tester anzupassen, die wichtigsten Produktdesigner sind vor Ort, um alle Fragen zu Design und Technik beantworten zu können, und auch die gebotene Infrastruktur könnte (auch dank Österreich-Importeur „Sail and Surf“) besser nicht sein.

Da kurz vor dem Event die Mallorca Rundfahrt stattfindet, sind als Draufgabe noch jede Menge anderer Profiteams mit all ihren Stars und Renngeräten auf Mallorca. So trifft man auf Radgrößen wie Pippo Pozzato, Ryder Hesjedal und natürlich auch auf den bereits genannten Straßenweltmeister Rui Costa.
Dabei bietet sich klarerweise auch die Möglichkeit, die vielen verschiedenen Teamräder genauer zu begutachten. Vor allem überraschend war für uns der Umstand, dass fast alle Profis wirklich extrem lange Vorbauten fahren, im Schnitt wohl mindestens 15 cm lang. Teilweise noch dazu mit einer negativen Neigung. Aufgrund der Tatsache, dass so lange Vorbauten weder eine optimale Steifigkeit, noch ein neutrales Kurvenverhalten in schnellen Abfahrten bieten, stellten wird die Frage nach dem Warum. Jürgen Falke, seines Zeichens der Kopf des Entwicklerteams rund um die Merida Räder, brachte Licht ins Dunkel ...

Need for Speed

bikeboard merida evo

Nach den Regeln der UCI muss nämlich jeder Radrahmen, der im Profizirkus verwendet wird, auch für den Endkunden käuflich zu erwerben sein. Da Profis eine extrem gestreckte und niedrige Haltung benötigen, wäre es beinahe unmöglich, entsprechend designte Rahmen der breiten Masse der Hobbyradler schmackhaft zu machen. Dies führt in Folge dazu, dass sich die Rennfahrer selbst etwas einfallen lassen müssen, um dermaßen aerodynamisch auf dem Renngerät zu sitzen, dass sie konkurrenzfähig bleiben.

Schon aus dieser Vorgangsweise kann man ableiten, dass im Rennsport auf Aerodynamik immer mehr Wert gelegt wird und dass das neue Reacto-Teamrad 2014 von Merida genau diesem Umstand Rechnung tragen soll. Da auch der Leichtbautrend vom Berufsradsport auf den kommerziellen Markt übergeschwappt ist, rechnen wohl viele Radhersteller damit, dass der sportliche Radfahrer auf der Landstraße in Zukunft ebenfalls noch häufiger nach Aerorennrädern verlangen wird, als dies ohnedies schon der Fall ist.

Reacto CF Team Replica

bikeboard merida team

SPEZIFIKATION

Rahmen  Reacto Pro-Direct-E, Lampre Team         Tretlager  BB86 Shimano Press fit
Größen 47, 50, 52, 54, 56, 59 cm   Kurbel Shimano Dura Ace FC-9000, 50-34
Steuersatz Big Conoid-insert carbon Neck CF   Kassette Shimano Dura Ace CS-9000, 11-28
Gabel Reacto Carbon Pro-Direct   Kette Shimano Dura Ace CN-9000 Kette
Vorbau FSA OS99 -6°   Schalthebel Shimano Dura Ace ST-9000
Lenker FSA K-Force Compact OS   Schaltwerk Shimano Dura Ace RD-9000
Lenkerband Prologo Lenkerband, schwarz   Umwerfer Shimano Dura Ace FD-9000
Sattelstütze Reacto Aero Carbon Flex   Bremsen Shimano Dura Ace Direct
Sattel ProLogo Zero2 Tirox   Reifen Continental Grand Prix 4000S 23 KV
Laufräder Fulcrum Red Wind 50   Pedale keine
Gewicht 7,3 kg   Preis € 6.999,-

bikeboard spec

Erste Fahreindrücke

bikeboard 01 impression

Fast schon ein wenig enttäuscht waren NoPain und ich dann, als wir am ersten Tag des Testevents noch kein Reacto auf die Straße bringen konnten. Der Andrang der Kollegen auf die Renner war einfach zu groß, unsere Größen waren somit vorerst nicht mehr verfügbar. Am zweiten Tag hatten wir dann aber umso größeres Glück, denn wir bekamen tatsächlich beide jeweils originale Teamräder, welche kurz zuvor noch bei der Rundfahrt im Einsatz gewesen waren. Mit leicht veränderten Modifikationen, wie sich wohl von selbst versteht, denn ein 15 cm langer Vorbau hätte selbst mich (ich bin ein echter Fan von langen Posen) gänzlich überfordert.

Schon beim Herunternehmen vom Haken fiel das überraschend geringe Gewicht auf, beim Abstellen auf den Boden vibrierte der Rahmen dann so stark unter der eigenen Last, dass förmlich ein elektrischer Schlag durch meine Handgelenke fuhr. Ein erstes Indiz für die schier unfassbare vertikale Steifigkeit, die Aerorenner so an sich haben. Die Ausstattung ließ bis auf den Lenker keine Wünsche offen. Fulcrum Aerolaufräder mit 25 mm Continental Schlauchreifen, 11-fach Di2 Dura Ace, funktionell bestechende Direct-Mount-Bremsen von Shimano und eine Rotor Powerkurbel bildeten ein nahezu perfektes Gesamtpaket.

Zum sehr schmalen FSA Lenker sei zu sagen, dass es wohl eher an der suboptimalen Einstellung haperte, als an der Qualität. Für mich persönlich war die Rohrdimension für einen guten Griff zu klein, der Untergriff bei dynamischen Sprints zu weit offen.

Eine kleine Überraschung brachten dann die ersten Bodenwellen. Die gut flexende Sattelstütze (S-Flex) mit "Fenster" konnte die schlimmsten Stöße ohne Probleme absorbieren - wohl eine der nachhaltigsten Verbesserungen zu den Vorgängermodellen der Serie. Es folgten schnelle Kurvenfahrten und harte Antritte bis zur Übelkeitsgrenze, wenig überraschend und doch beindruckend war dabei der fast unheimliche Vortrieb des Merida Reacto. Die vertikale, wie auch die horizontale Verwindungssteifigkeit ist schlicht gesagt überragend, der Komfort im Sitzen ist aufgrund der innovativen Sattelstütze überraschend gut, wird aber empfindliche Rücken nicht zur Gänze zufrieden stellen können.

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Das Fahrverhalten in der Kurve ließe sich am besten mit "hyperaktiv" beschreiben, dennoch ist der Geradeauslauf auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten ohne jeden Tadel. Das Reacto reagiert jedenfalls extrem schnell und direkt auf eingeleitete Lenkmanöver. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass auch das Serienrad so dermaßen agil auf Richtungswechsel ansprechen wird wie das Testrad - denn der Rahmen (samt allen anderen Einstellungen) war offenbar auf den überlangen Vorbau der Teamfahrer abgestimmt. Wie stark sich das aerodynamisch optimierte Rahmenset in der Praxis auf die eigene erreichbare Geschwindigkeit auswirkt, konnte seriös von uns nicht beantwortet werden, hierbei muss man sich wohl oder übel auf Laborwerte oder umfangreichere Feldtests verlassen. Insgesamt waren die ersten Eindrücke enorm vielversprechend. Wer sich 2014 ein Merida-Reacto zulegt, stellt sich ohne jeden Zweifel ein Vollblut Rennpferd in den Stall.

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